Scheidung – ganz auf die Schnelle.

Dass sich immer mehr Menschen scheiden lassen, ist sehr traurig. Rechtsanwälte (sofern ihnen nicht selbst die Frau weggelaufen ist) sehen das naturgemäß anders: Sie verdienen schließlich an den Liebestoden. Weil aber auch die Anzahl der Anwälte wächst, wird ihr Scheidungsmarkt eng. Deshalb will ein Bochumer Rechtsanwalt die Konkurrenz mit dem Internet überlisten. Er bietet die online-Scheidung an. Trennung übers Internet. „Das spart Geld, Nerven und Zeit“, sagt er. Allerdings macht er eine Einschränkung. Die Mandanten müssen zwar scheidungswillig sein und ein Jahr getrennt von Tisch und Bett leben, aber gleichzeitig dürfen sie nicht zerstritten sein. Die onlineScheidung ist nämlich ein unbedingt emotionsloser Vorgang ohne jeden Streit um Kinder, Unterhalt oder sonstwas. Die Noch-Eheleute füllen auf der Homepage des Anwalts einfach einen Scheidungsantrag aus. Weitere Formulare können sie sich herunterladen. Die schicken sie, natürlich per Computer, dem Rechtsanwalt zurück. Der leitet alles andere in die Wege. Einen zweiten Anwalt braucht man nicht. Und schneller geht das Ganze auch. Husch-husch, sozusagen. Und doch müssen sich die Verflossenen noch einmal in die Augen schauen – beim gerichtlichen Scheidungstermin. „Dieser Termin dauert etwa 15 Minuten“, sagt der online-Anwalt. So viel persönliche Zeit muss dann doch sein.

Bernd Kiesewetter
WAZ 19.11.2003

2016-10-13T13:03:02+00:00